Predigt zum 4. Ostersonntag

„Ich bin die Tür;
alle, die durch mich hineingehen, werden gerettet werden
und hineingehen und hinausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,
9)

Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit, 3. Mai 2020

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Leserinnen und Leser,

hautnah erleben wir derzeit die Gratwanderung zwischen Freiheit und Sicherheit: Eine „demokratische Zumutung“ nannte die deutsche Bundeskanzlerin die Einschränkungen, die wir seit mehr als sieben Wochen hinnehmen müssen.

Freiheit oder Sicherheit – da müsse man sich eben entscheiden, heißt es da gerne. Wer von uns hätte etwa nicht vor 30 Jahren noch entsetzt den Kopf geschüttelt bei der Vorstellung, jeden Bürger mit einem Peilsender auszustatten, mit dem jederzeit und punktgenau sein aktueller Standpunkt angezeigt wird. Heute empfinden wir es als Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen als Menschenrecht, ein Smartphone zu verwenden. Aber es ist doch so bequem, Freiheit oder Sicherheit eben! Und in 10 Jahren? Wie teuer werden wir uns dann einen sicheren Arbeitsplatz erkaufen müssen? Und was wird uns etwa die Freiheit zu reisen wert sein? Freiheit oder Sicherheit eben?

Wenn uns Jesus heute zusagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10), dann ist das nicht nur nach der Stellung im ganzen Text genau die Mitte des Johannesevangeliums sondern auch nach dem Inhalt dieser Worte: „Leben in Fülle“ ist uns von Gott ja von Anfang an zugedacht. Doch wir unterliegen den unterschiedlichsten Lockangeboten derer, die uns entweder Sicherheit oder Freiheit versprechen, je nachdem, wofür wir gerade am anfälligsten sind. Und schon sind wir in der Sklaverei einer Freiheit ohne Sicherheit oder eben einer Sicherheit ohne Freiheit. Dieses „Leben in Fülle“ für uns wiederherzustellen, das ist das Zentrum der Sendung Jesu in der Verbindung von beidem – Leben in Freiheit und Sicherheit!

Aber was bedeutet das, wie soll das funktionieren? Wer sich Jesus anvertraut und wer in Verbindung mit ihm bleibt, der lebt in der Sicherheit eines bleibenden Bezugspunkts, der ihn niemals verlorengehen lässt. So wie Jesus sogar am Kreuz noch, und gerade dort die Verbindung zu seinem himmlischen Vater bezeugt, und wie sie in seiner Auferstehung eindrucksvoll bestätigt wird, so ist er selbst diese unverbrüchliche Verbindung zwischen uns und diesem Vater im Himmel. Keine Macht auf Erden, nicht einmal der Tod, kann sie uns mehr nehmen, wenn wir uns ihm wirklich anvertrauen. Doch diese Sicherheit – ist das nicht das Ende unserer Freiheit? Im Gegenteil: „Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Joh 10,9), haben wir von Jesus gehört. Er ist kein Kindermädchen, das uns kleinlich diszipliniert, und kein Kerkermeister, der uns ängstlich bewacht. Weil er uns mit Vertrauen begegnet, ermöglicht und stärkt er unsere Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, uns ins Weite und Offene zu wagen und uns der Freiheit zu stellen, die er uns zumutet, weil er uns ja auch verlässlich Schutz und Halt gibt.

Den Preis für dieses Leben in Fülle in Freiheit und Sicherheit, müssen nicht wir bezahlen, das hat Jesus mit seinem Tod am Kreuz bereits für uns getan. Es liegt aber an uns, wie wir auf seine Einladung antworten, ob wir diese geöffnete Tür also nutzen und die ausgestreckte Hand ergreifen! Ich wünsche es Ihnen so wie mir!

Jakob Eckerstorfer o.præm.
Novizenmeister im Stift Schlägl
und Religionslehrer an den bbs Rohrbach