Predigt zum 5. Ostersonntag

Liebe Schwestern und Brüder,

Kürzlich wurde eine neue Statistik veröffentlicht, die europaweit vergleicht, in welchem Alter im Durchschnitt Kinder das Elternhaus verlassen. Österreicher werden im Schnitt mit 24,4 Jahren flügge, im übrigen Europa erst mit 26,6 Jahren. Die Gründe für das Selbstständigwerden in Bezug auf die Wohnung sind allerdings vielfältig. Wann kann man sich wo eine eigene Wohnung leisten. Das Einkommen und der Wohnungsmarkt spielen dabei eine große Rolle und natürlich wohl auch, wie gut das Verhältnis zur eigenen Familie ist. Hotel Mama ist ja auch oft sehr praktisch, auch wenn man selbstverständlich seinen Teil dazu beitragen muss.

Ältere Menschen beschäftigt eine andere Frage in Bezug auf Wohnung. Wie lange werde ich in meiner gewohnten Umgebung leben können? Wie organisiere ich es, wenn ich Pflege brauche? Wer wird mir Heimat sein, wenn Verwandte und Freunde altersbedingt immer weniger werden? Auch die oft entfernt lebenden Kinder sind keine Sicherheit, ihre Arbeitsstelle geht vor, darauf nehmen Ältere oft selbstverständlich Rücksicht. Die Wohnungsfrage ist immer auch eine Beziehungsfrage. Wo fühle ich mich wohl? Wo lebe ich gerne? Das wird auch im heutigen Evangelium deutlich, wo Jesus davon spricht, dass er uns vorausgeht zum Vater, heim, dort wo er daheim ist. Zeitlebens war er aufs innigste mit ihm verbunden und hat lebendigen Kontakt mit ihm gehalten. Das hat ihm Kraft gegeben, seinen Weg zu gehen bis in die schweren Stunden der äußersten Verlassenheit. Was ihm geholfen hat, kann auch uns helfen. Nicht selten sagen Leute nach schweren Erlebnissen und schwierigen Phasen ihres Lebens: Wenn ich den Glauben nicht gehabt hätte, hätte ich das nicht durchgestanden. Glaube, lebendige Verbindung, gibt Halt und Kraft. Seine innige Beziehung ist eine Einladung, dass auch wir unsere Beziehungen zu Gott und auch zu den Menschen unter die Lupe nehmen und intensivieren. Denn wo Menschen als Freunde in einer nahen Beziehung leben, sich darum bemühen, da verspüren wir etwas von jener Wohnqualität, die Jesus verheißen hat. So versteht Jesus in dieser Hinsicht sich als der Weg zum Leben, zum Glück, zum Vater.

Auch erfolgreiche Sportler beteuern immer wieder, dass die Familie und Freunde für sie ein wichtiger Rückhalt sind, gerade auch in Nöten und Misserfolgen, gleichsam ein Rastplatz, um zur Ruhe kommen. Auf die Frage, welche Rolle die Familie spielt für das persönliche Glück sagt die Glücksforscherin Sonja Laszlo: „Enge Beziehungen spielen eine große Rolle, wenn es um Glück und Zufriedenheit geht. Entscheidend ist die Frage, ob ich jemand habe, dem ich mein Herz ausschütten kann. Großes Vertrauen ist von Vorteil. Tatsache ist, dass in allen Studien die Familie einen wesentlichen Faktor darstellt, wenn es um Glücksempfinden geht.“

Das heutige Evangelium von den Wohnungen beim Vater fällt heuer zufällig auf den Muttertag. An diesem Tag danken wir unseren Müttern, Eltern, Großeltern, … für alles, was sie uns ins Leben mitgegeben haben, vor allem die Erfahrung des familiären Zusammenhaltes. Es gehört zum Kostbarsten, was sie uns vermitteln konnten. Denn damit ist auch eine Erfahrung des Glaubens verbunden: Vertrauen können, einen Halt haben, um ihn dann als Erbe weiterzugeben und zu pflegen. Es ist wohl der schönste Dank, den wir ihnen bringen können.

Amen.

Wolfgang Groiss
Pfarrer in Aigen-Schlägl